Brief von James Cummiskey an die AMA
und
Epilog zum Brief
16. Oktober 1999
American Medical Association (AMA)
AMA Präsidenten
Thomas R. Reardon, Doktor der Medizin
Postfach 10944
Chicago, IL 60610
Sehr geehrter Herr Dr. Reardon,
ich möchte Ihnen ein meiner Ansicht nach ungeheuerliches Beispiel einer Verletzung der moralischen Lehren des Ethischen Rates der American Medical Association (AMA) durch einen Doktor der Medizin zur Kenntnis bringen. Die Richtlinien, auf die ich mich beziehe, behandeln den gewinnträchtigen Verkauf von Vitaminen und anderen gesundheitsrelevanten, nicht verschreibungspflichtigen Produkten durch Ärzte in ihren Praxen. Wie in den 'Medical News' der AMA vom 07. Juni 1999 im Artikel 'Ethics Council Revisits Office-based Product Sales' [1] dargestellt wird, "verursachen diese Praktiken einen Interessenkonflikt, drohen das Vertrauen der Patienten zu untergraben und setzen die originäre ärztliche Verpflichtung, die Interessen der Patienten über die eigenen Interessen zu stellen, aufs Spiel."
Ich glaube, dass meine Ehefrau Tawnya Cummiskey ein Opfer ihres Arztes wurde, Dr. Marc D. Braunstein, Doktor der Osteopathie, 24531 Pacific Park Drive, Suite 103, Laguna Hills, Califonia 92656. Tawnya war für etwa 24 Monate Patientin von Dr. Braunstein. Nachdem sie ihn ungefähr fünf Monate lang aufgesucht hatte, empfahl ihr Dr. Braunstein einige Produkte der Firma 'Wellness International Network' (WIN) [2] -- das nach eigenen Angaben ein "Multilevel- Marketing- Unternehmen ist, das sich auf die Vermarktung von Gewichtsmanagement-, Hautpflege- und Nahrungsergänzungs-Produkten spezialisiert hatte. Gemäß Robert Todd Carroll "ist Multilevel- Marketing ein Vertriebssystem, das mehr Gewicht auf die Rekrutierung von Distributoren als auf den Verkauf von Produkten legt" [3].
Nach dem Verkaufsgespräch in seinem Büro überzeugte er Tawnya, von ihm verordnete "Chinesische Kräuter- Nährstoffergänzungen" für mehr als einhundert Dollar von ihm zu kaufen. Er versicherte ihr, dass diese Ergänzungen zu Gewichtsreduzierungen, erhöhter Energie, Steigerung der mentalen Kräfte und vielen weiteren deutlichen Verbesserungen führen würden. Gary L. Huber, Doktor der Medizin und Vizepräsident für Wissenschaftliche Kommunikation der 'American Nutriceutical Association', glaubt jedoch, dass viele Arten der von Unternehmen wie WIN vertriebenen Nahrungsergänzungen unzuverlässig und sogar gefährlich sind.
Gemäß Dr. Huber sind "nahezu die Hälfte aller Ergänzungen ..... potentiell giftig, und eine unwahrscheinlich hohe Zahl von ihnen erwies sich, kombiniert mit verschreibungspflichtigen Medikamenten, als nachteilig für die Wirkungsweise der Medikamente." Dr. Huber glaubt, dass es für die Ärzte eine Sache ist, mit den Patienten die Vorteile von Ergänzungen zu besprechen, eine ganz andere aber, diese den Patienten mit Gewinn zu verkaufen [4]. Dr. Braunsteins Verhalten scheint eine eindeutige Verletzung der AMA- Richtlinien zu sein, nach der Ärzte sicherstellen müssen, "dass alle Ansprüche eines Produktes wissenschaftlich gültig und durch anerkannte Fachliteratur oder andere vorurteilsfreie wissenschaftliche Quellen gestützt werden.
Nachdem sie durch Dr. Braunstein zu einem ersten Kauf verleitet wurde, war Tawnya überrascht, mit der Post ein neues Verkäufer- Kit zu erhalten und darin zu erfahren, dass sie nun offizielle Distributorin der WIN- Produktlinie sei. Als sie ursprünglich dem Kauf der Ergänzungen zustimmte, war ihr nicht bekannt, dass sie diese Produkte nur kaufen könne, indem sie Verkaufsrepräsentantin für das Unternehmen werde. Dr. Braunstein machte Tawnya niemals deutlich, dass sie mit ihrer ersten Ergänzungs-Bestellung in Wirklichkeit einen Distributoren- Status als Repräsentantin der Firma WIN einkaufe.
Irgendwann entschied sich Tawnya, keine weiteren WIN- Produkte mehr zu kaufen. Nicht nur, dass die Ergänzungen sehr teuer waren, Tawnya fühlte sich in Anbetracht der Falschdarstellung, sie müsse bei WIN weitermachen, um die Produkte weiterhin kaufen zu können, von Dr. Braunstein irregeführt. Überdies sagte Dr. Braunstein, dass WIN die einzige Quelle für diese von ihm verschriebene Art von Ergänzungen sei. Auch dieses Verhalten scheint eine eindeutige Verletzung der AMA- Richtlinien zu sein, die fordern, dass Ärzte "monopolistische Zusammenstellungen verhindern müssen, die den Patienten Fesseln auferlegen," indem sie sicherstellen, dass Produkte "auch durch andere Kanäle wie Apotheken verfügbar gemacht werden, damit Patienten eine Wahlmöglichkeit erhalten."
Schließlich machte Tawnya dem Doktor klar, dass sie "weder an einer Tätigkeit als WIN- Distributorin, noch am Kauf weiterer Vitamine interessiert" war. Dr. Braunstein antwortete mit einer aggressiven Marketing- Kampagne, indem er Dutzende von Emails verschickte, sie zu Hause und im Büro anrief und sie während ihrer Besuche in seiner Praxis weiter bedrängte. Er setzte sie kontinuierlich unter Druck, weiterhin als WIN- Distributorin Vitaminprodukte zu kaufen und zu beginnen, ihre Freunde und Familienmitglieder aktiv für das WIN- Netzwerk zu rekrutieren. Bei mehreren Gelegenheiten empfahl er ihr, an einem lokalen WIN- Seminar teilzunehmen, um sie tiefer in das MLM-Netz hineinzuziehen.
Immer wieder machte Dr. Braunstein mehr als deutlich klar, dass er persönlich von Tawnyas Einstieg bei WIN und dem Kauf weiterer Vitaminprodukte profitieren würde. Dies war auch sein Hauptverkaufsargument für Tawnya, um ihre Freunde als WIN- Distributoren zu ködern. Aber laut dem 'California Medical Association Handbook' sollen Ärzte Unternehmen fern bleiben, die sie für jeden Produkte kaufenden Patienten bezahlen. Sowohl die Einzel- als auch Bundesstaatlichen Gesetze gegen Betrug und Missbrauch werten solche Aktivitäten als ungesetzliche Schmiergelder [5].
Nachdem Tawnya ihr Desinteresse Dr. Braunstein gegenüber immer wieder zum Ausdruck brachte, fuhr er mit einem noch aggressiveren und beleidigerenden Programm der Desinformation fort, um meine Frau zu bewegen, ihre Ansicht zu ändern. Aus dem Gefühl heraus, dass ich die Ursache für Tawnyas Widerstand zum Mitmachen sei, ermutigte Dr. Braunstein sie "Männe mitzubringen ... [zu den Meetings] ... bis er sicher ist, dass ich in Avon mache." Fortgesetzt spielte er auf den wachsenden Wohlstand seiner WIN- Distributoren- Kumpel an und ermunterte Tawnya, ihre Entscheidung zu überdenken.
Als Tawnya sich weiterhin widersetzte, nahmen Dr. Braunsteins Emails einen durch und durch unprofessionellen und sogar bedrohlichen Ton an. Der Doktor versuchte, ihre Abneigung damit abzutun, dass sie und ich unsere Entscheidung "aus Angst und Vermutungen" getroffen hätten. Braunstein belästigte Tawnya mit zunehmend unpassenden Email- Kommentaren wie "trifft Männe seine Entscheidungen immer, ohne Informationen zu haben?" Nachdem meine Frau antwortete, dass sie seine Kommentare für unangemessen halte und ihn "auf ein professionelles Niveau anstelle eines Persönlichen" bat, lautete Dr. Braunsteins barsche Antwort "Die Wahrheit kann schmerzvoll sein."
Ja, die Wahrheit kann schmerzhaft sein. Die Wahrheit ist, dass Dr. Braunstein scheinbar ein manipulierter, unprofessioneller und vollkommen eigennütziger Arzt ist, der seine eigenen finanziellen Interessen über die seiner Patienten stellt. Er hat praktisch jeden Grundsatz der AMA- Richtlinien verletzt hinsichtlich dem Verkauf unerprobter, nicht verschreibungspflichtiger Produkte unter Ausnutzung seiner professionellen Kapazität als Mediziner.
Dies ist eindeutig ein ernsthafter Vorfall. Wie Kathleen Weaver, Doktor der Medizin und AMA- Delegierte aus Portland geltend macht, ist der Beruf des Mediziners "in Gefahr, im Eimer zu landen, mit einer Flasche Vitamin pro Tag" [6]. Alexander M. Capron, an der 'University of Southern California School of Laws' lehrender Ethiker stellt fest, "Ich gehe davon aus, dass es immer noch einen Kern medizinisch Berufener gibt, die glauben, dass das, was hier verkauft wird, kein gesundheitsrelevantes Produkt ist, sondern eine Erbschaft des akademischen Standes."
Es wurde sowohl meiner Frau als auch mir vollkommen klar, dass sich Dr. Braunstein mehr mit dem Füllen seiner Taschen beschäftigte als mit der Gesundheit meiner Ehefrau. Unnötig zu erwähnen ist, dass wir unsere Beziehung zu Dr. Braunstein beendet haben, aber wer weiß, wie viele andere Opfer der Arzt zur Ausbeutung eingereiht hat. In der Tat fährt Dr. Braunstein schamlos fort, diese Produkte direkt auf seiner Internet Website anzubieten [8]. Ich ermuntere nachhaltig zu einer formellen Untersuchung von Dr. Braunsteins Nebengeschäften und zu seiner weiteren Tauglichkeit als zugelassener Arzt. Ich glaube, dass zumindest ein formaler Tadel durch die AMA angebracht ist.
Entsprechend AMA's 'Principles of Medical Ethics" soll ein Arzt seinen Patienten und Kollegen gegenüber aufrichtig sein und anstreben, jene Ärzte mit unzulänglichem Charakter, mangelhafter Kompetenz oder solche, die in Täuschung und Betrug verwickelt sind, bloßzustellen [9]. So wie Robert L. FitzPatrick und Joyce K. Reynolds schreiben, "ist die Zeit gekommen, die gesetzlichen Grundlagen der Multi- Level- Marketing (MLM) Industrie zu hinterfragen und herauszufordern. Wenn wir heute das MLM nicht moralisch und legislativ adressieren, laufen wir Gefahr, Pyramidensysteme als legitime Unternehmen des freien Marktes zu institutionalisieren" [10].
Wenn unsere amerikanischen Ärzte in solch empörende Schikane verwickelt sind wie Dr. Braunstein in sein Multilevel Marketing, ist dies für den gesamten Berufsstand der Mediziner schädlich. Auch wenn es nicht ausdrücklich illegal ist, allein die Wahrnehmung suspekter Geschäftspraktiken kann das Vertrauen der Patienten in ihre Ärzte zerstören. Dr. Gregory Rokosz, der Präsident des "State Board of Medical Examiners" glaubt, dass "die Beziehung zwischen Arzt und Patient eine ganz besondere Beziehung ist, die auf Vertrauen basiert. Patienten vertrauen darauf, dass ihre Ärzte das Beste für ihre Patienten tun und die Patienteninteressen über ihre eigenen persönlichen oder finanziellen Interessen stellen. Dieses besondere Vertrauensverhältnis darf nicht aus kommerziellen Gründen ausgenutzt werden [11].
Weiterhin untergräbt der Verkauf von medizinisch ungeprüften Produkten in Arztpraxen, wie beispielsweise die von WIN vertriebenen homöopathischen Medikamente, das Vertrauen der Nation in unsere Ärzte. Es ist schlichtweg falsch und unmoralisch, das Vertrauen der Patienten in die Fachleute zu zerstören. Dr. Rakatansky, Vorsitzender des Ethischen Rates der AMA sagte, dass die neuen AMA- Richtlinien essentiell die Beteiligung von Ärzten am Multilevel Marketing untersagen. "Da wird eine gefährdete Bevölkerung ausgenutzt," erklärt er. "Als Patient haben Sie das Recht von Ihrem Arzt zu erwarten, dass er das Bestmöglich für Sie tut, nicht was das Beste für den Doktor ist. In der Medizin gibt es Grenzen, die man nicht überschreiten sollte, und dies ist eine solche" [12].
Dr. Braunstein hat diese Grenze bei meiner Gattin überschritten, dafür muss er bestraft werden. Ich ermutige Sie nachhaltig, meiner Beschwerde mit Hilfe einer gründlichen Untersuchung umgehend nachzugehen, um Dr. Braunstein daran zu hindern, weitere Patienten mit seinem irreführenden und verwerflichen Multilevel Marketingsystem zu schikanieren.
Mit freundlichen Grüßen
James Cummiskey
1. "Ethics
Council Revisits Office-based Product Sales" der American Medical
News vom 07. Juni 1999,
verfügbar
auf http://www.ama-assn.org/amednews/1999/pick_99/anna0607.htm
2. "Wellness International Network, Ltd.
Corporate Home Page" verfügbar auf http://www.winltd.com/
3. verfügbar auf http://skepdic.com/mlm.html
4. verfügbar auf http://www.ama-assn.org/amednews/1999/pick_99/anna0607.htm
5. verfügbar auf http://www.ama-assn.org/amednews/1999/pick_99/anna0607.htm
6. verfügbar auf hhttp://www.ama-assn.org/amednews/1999/pick_99/anna0607.htm
7. verfügbar auf http://www.ama-assn.org/amednews/1999/pick_99/anna0607.htm
8. Dr. Braunsteins Website, verfügbar auf
http://members.home.com/drmarc/
(inzwischen abgeschaltet)
nun erreichbar über
http://web.archive.org/web/20000612102930/http://members.home.com/drmarc/productintro.html
http://web.archive.org/web/20000510040501/http://members.home.com/drmarc/nutritionintro.htm
9. "The Principles of Medical Ethics",
American Medical Association (AMA) Website,
verfügbar
auf http://www.ama-assn.org/amednews/1999/pick_99/anna0607.htm
weiter detailliert
auf http://www.ama-assn.org/ama/pub/category/8288.html
10. "False Profits, Seeking Finacial and Spiritual Deliverance
in Multi-Level-Marketing and Pyramid Schemes,"
FitzPatrick
Reynolds, 1997, verfügbar auf http://www.falseprofits.com/FSLegalityPg.html
11. "Are Doctors' Side Deals Prescription For Trouble?
Some See Potential For Conflicts Of Interest"
Lindy
Washburn, 08/22/1999, The Record, Northern Jersey
12. "The Doctor will Sell You Now", New Times Magazine,
Palm Beach, FL, 28. Jul 99, By Harris Meyer
verfügbar
auf http://www.newtimesbpb.com/issues/1999-07-29/feature.html
deutsche
Übersetzung
auf www.mlm-beobachter.de/rexall/dsyn1.htm
Epilog: Was uns James Cummiskey auf Nachfrage noch berichtet:
Ich schickte diesen Brief nicht nur an die AMA, sondern an weitere ca. 20 Aufsichtsbehörden für Medizin und Wirtschaft. Die meisten antworteten, dies sei "außerhalb ihrer Zuständigkeit!" Immerhin starteten 4 oder 5 dieser Behörden unabhängige Untersuchungen mit enttäuschenden Ergebnissen: in keinem Fall erfolgte eine Bestrafung, nicht einmal ein Tadel wurde ausgesprochen! Auch eine TV- Ausstrahlung des Magazins "Good Housekeeping" zu diesem Fall blieb ohne Resonanz - Erschreckend!
Nach etwa zwei Jahren und ungefähr sechs Monate nachdem die Untersuchungen begannen, hörte ich, dass Dr. Braunstein als Mitdreißiger an einem plötzlich auftretenden massiven Herzversagen starb.
Meine Frau hatte damals berichtet, dass die Ergänzungen bei ihr zu einem unangenehmen Herzrasen geführt hatten. Der Arzt war offenbar ein eifriger Konsument seiner eigenen Produkte.
Die AMA konnte/wollte ihn nicht stoppen, offensichtlich hat er sich selbst gestoppt:
Schade, dass es ihm nicht alle
Quacksalber nachmachen und sich mit ihren Pülverchen selbst
hinrichten.
Primum non nocere!
Dokument aktualisiert: 30.12.2003